Bei der Arbeit - Nach der Arbeit.

Fotografien von Dieter Schwerdtle

 

16.08. - 07.09.2013

 

In zwei Projekten, beide mit großen Ausstellungen in Kassel gewürdigt, widmete sich der Kasseler Fotograf Dieter Schwerdtle dem Thema "Mensch und Arbeit". Passend zum diesjährigen Leitmotiv des "Blauen Sonntag" ("Faktor Mensch") sind Teile dieser Ausstellungen im Südflügel des Kulturbahnhofs zu sehen. Dieter Schwerdtle (1952-2009) zählt sicher zu den wichtigsten Kasseler Fotografen der vergangenen Jahrzehnte. Sein fotografischer Nachlass konnte kürzlich von der Stadt Kassel, von documenta-Archiv und Stadtmuseum, übernommen werden.

In der internationalen Kunstszene bekannt und gefragt wurde Schwerdtle aufgrund seiner feinsinnigen Portraits renommierter documenta-Künstler, allen voran Joseph Beuys. Aber Schwerdtle blickte mit seiner Kamera nicht nur auf die Großen und Berühmten, nicht nur auf herausragende Momente oder spektakuläre Sensationen. Vielmehr schaute er stets auch auf Dinge am Rande des großen Geschehens. Der subtile Reiz des Alltäglichen und scheinbar Nebensächlichen wurde im Fokus seiner Kamera umgehend zum Besonderen, forderte den Betrachter zum Hinsehen und schließlich auch zum Nachdenken auf.

Portraits unterschiedlicher Menschen machen ohne Zweifel den Hauptteil von Dieter Schwerdtles fotografischem Schaffen aus. Seine Stärke war es, schnell zwischen sich und den Menschen vor seiner Kamera eine fruchtbare Beziehung herzustellen. Die Portraitierten konnten ihm vertrauen, verfielen nicht in künstliches oder verkrampftes Posieren. Und der Fotograf verzichtete bewusst auf Vorgaben oder unechte Arrangements.

Aufsehen erregten seine eindrucksvollen Farb-Portraits von Menschen aus Ban Cha-Om in Thailand, dem Heimatort seiner Ehefrau, gezeigt 2002 in der Neuen Galerie. Der Titel: "Nach der Arbeit". Einwohner des Dorfes auf dem Weg nach Hause blickten in seine Kamera, standen unprätentiös und auf eindringliche Art dem Betrachter gegenüber.

Als Pendant zu diesen Portraits aus dem fernen Thailand entstanden die 2004 unter dem Titel "Bei der Arbeit" in der Orangerie präsentierten Bilder von Industriearbeitern aus Nordhessen. Dieses vom Arbeitgeberverband Metall geförderte Projekt bildete seinerzeit gewissermaßen einen Kontrapunkt zu den gängigen Formeln des Zeitgeistes. Klassische Industriearbeit schien vielen nicht mehr aktuell, das Thema aus der Mode. Insgesamt waren 170 Aufnahmen in unterschiedlichen Betrieben der nordhessischen Metallbranche entstanden. Wie bei den Bildern aus Thailand ließ der Fotograf die vor hellem Hintergrund stehenden Menschen in die Kamera blicken. Selbstbewusst zeigen sie sich in ihrer Arbeitskleidung, mitunter ein Werkzeug in der Hand. Die großformatigen Dreiviertelportraits geben dem Betrachter das Gefühl einer realen Begegnung mit den Portraitierten.

"Meine Porträts," schrieb Dieter Schwerdtle, "gehen vom Tatsächlichen aus. Sie täuschen nicht, also können sie auch nicht enttäuschen. Es geht nicht um Sensation und Life-Style, sondern um das Wirkliche im Alltäglichen."

Der Kunstkritiker Alfred Nemeczek prophezeite, dass Schwerdtles "scheinbar unspektakuläre Konfrontation mit dem lokalen Arbeitsalltag ... sich eines Tages rentieren" werde: "Nicht unbedingt auf Heller und Pfennig, doch als nachhaltiger Zuwachs an Erkenntnis über eine vitale Region in der Mitte Deutschlands."

Veranstalter:
Netzwerk Industriekultur Nordhessen (nino), Stadtmuseums Kassel mit Unterstützung des Verbandes der Metall- und Elektrounternehmen in Nordhessen

 

2013 bei der arbeit nach der arbeit 01

 

2013 bei der arbeit nach der arbeit 02